Um zum Berufskolleg zu kommen, nutze ich jeden Tag Bus und Bahn. Manchmal nur Bahn, Bus meistens morgens, um zur Bahn zu gelangen. Auf dem Rückweg kann man die Strecke schonmal ganz gut zu Fuß zurücklegen. Die Fünfzehn Minuten. Morgens laufe ich aber nicht zur Bahn, sondern nutze den Bus, da meine Koordinationsfähigkeit der Extremitäten noch etwas zu schlafen scheint.

Bereits das Umsteigen von Bus auf Bahn sollte taktisch und im Voraus klug berechnet sein: Wer sitzen will, muss drängeln. Muss ein Arschloch sein. Darf Omis und Opis nicht sehen. Scheuklappen auf, wenn möglich. Schafft man es nicht, einen Sitzplatz zu ergattern, stellt man sich cool in den Mittelteil der Bahn und tut so, als habe man es gar nicht nötig zu sitzen. Jung, sportlich und in der Lage zwanzig Minuten zu stehen. Wenn man es überhaupt so weit schafft, denn die Wahrheit sieht um 7 Uhr 30 morgens anders aus: Meistens ist man einer von denen, die auf der orangen Stufe stehen – eine Tabuzone. Wer hier steht, verhindert das Weiterfahren der Bahn. Alle sind böse. Der/die Bahnfahrer/in spricht durchs Mikro die üblichen Worte. Jeden Tag dasselbe. Nein, natürlich will ich hier nicht übernachten, Herr Straßenbahnfahrer, aber – bei aller Liebe – es geht einfach nicht besser.
Geschafft! Wenigstens soweit drin, dass die Tür tatsächlich zugeht und die Umhängetasche glücklicherweise nicht in derselben festhängt.
Nun soll es also losgehen!
Die Bahn rollt!

Kentapper, kentapper, kentapper …

Nächste Haltestelle. Theodor-Heuss-Straße. Hier steigen eigentlich nicht so viele Leute ein, aber wenn, dann natürlich durch die Tür, die meine Rückenlehne und meine Sicherheit ist.
Immerhin ist man dann nicht mehr der Schuldige, falls die Tür nicht mehr schließt. Hat man aber Abstand zur Tür gewonnen und steht mittendrin, kann man sich aber nicht bewegen. Tief einatmen ist nur bedingt möglich, bei all dem Parfum und Aftershave und Deo. Also auf Sparmodus schalten oder sich weg denken. Die vielen Leute könnten zum Beispiel ein wärmender Schlafsack sein und die Bahn ein … ein … ein… Zelt. Wie schön. Wie gemütlich. Wie ekelhaft!
Denn die Wahrheit sieht um 7 Uhr 30 morgens anders aus: man ist vor permanentem Geschubse nicht sicher. Schlafsäcke schubsen nicht. Ausgeträumt!

Vier Haltestellen weiter fährt die Straßenbahn in einen Tunnel und ist dann eine U-Bahn.

Licht an.

Faszinierend, wie keiner keinen anguckt. Das merkt man jedoch nur, wenn man jemanden anguckt. Watzlawick hat einmal gesagt, dass man nicht nicht kommunizieren kann. Nietzsche hat auch mal etwas Schlaues gesagt. Fällt mir aber jetzt nicht ein. Freud könnte durch unser U-Bahn verhalten unser Sexualleben, nein, unsere sexuellen Gedanken bis ins letzte schmutzige Detail entschlüsseln.
Ich kann sowas auch ein bisschen:
Guck mich nicht an, und ich sage dir nicht, was du nicht bist.

Hauptbahnhof, ich bin raus.

Kentapper, kentapper, kentapper …

Zwei Rote Lichter entfernen sich. Werden leiser. Verschwinden.

Kentapper, kentapper.

Kentapper!

(( Kentapper! ))